Karl Löwith: Johanneisches Zeitalter?
Karl Löwith: Johanneisches Zeitalter?
in Merkur, Heft 67, 1953, 7. Jahrgang
Rosenstock-Huessy’s neue Veröffentlichung „Heilkraft und Wahrheit” (Evangelisches Verlagswerk, Stuttgart 1952) ist eine Sammlung von Abhandlungen, die zum Teil auf frühere Schriften von 1936 und 1927 zurückgehen. Was sie zusammenhält, ist die Frage nach dem zeit- und geschichtsgebundenen Charakter der Wahrheit und das kritische Anliegen, unser traditionelles philosophisches Denken im Sinne eines wahrhaft zeitgemäßen und „dativen”, d. h. an der hörenden und sprechenden Person orientierten Denkens zu reformieren. Die alle Abhandlungen bewegende Polemik richtet sich gegen das theologische und naturwissenschaftliche Denken der Universitäten, die sich in einer „babylonischen Gefangenschaft” befinden, seitdem ihnen der „Atem des Geistes” ausging, so daß ihre wissenschaftlichen Wahrheiten der geschichtlichen Kraft beraubt sind. Entgegen diesen zeitfremd gewordenen akademischen Einrichtungen träumt Rosenstock den alten, zuletzt von Schelling geträumten Traum eines „Johanneischen Zeitalters” des lebendigen Geistes, der ebenso nach-katholisch wie nach-protestantisch, und eben darum in einem ursprünglich zukunftsvollen Sinn wieder christlich sein soll. Eine neue „dritte Wissenschaftslehre” soll entstehen, die der Verfasser in der Nachfolge von Paracelsus, als dessen Testamentsvollstrecker er sich fühlt, begründen will. Darüber hinaus beansprucht er, das von Augustin gestellte Zeitenrätsel positiv aufzulösen, und zwar durch eine radikale Verzeitlichung der Wahrheit, die nicht die Wahrheit eines räumlichen Standpunktes, sondern eines sich wandelnden Zeitpunktes sei. In dieser Absicht auf den Erweis des zeitgeschichtlichen und heilsgeschichtlichen Charakters einer Heil und Unheil bergenden Wahrheit berührt sich Rosenstocks Denken nicht nur mit dem seines verstorbenen Freundes Franz Rosenzweig, sondern auch mit dem Martin Heideggers, dessen Werk „Sein und Zeit” er merkwürdig schief beurteilt - vielleicht gerade deshalb, weil sich beide in ihrer Kritik des Gott und Welt zum „Gegenstand “ machenden, wissenschaftlichen Denkens und einer wissenschaftlichen „Theologie des Unglaubens” allzu nahe stehen. Es ist leichter festzustellen, wogegen sich Rosenstocks Denken richtet (gegen die „Scheußlichkeiten” Piatons, gegen Abailard und Thomas, gegen Scholastik und Humanismus, gegen Bacon und Descartes, gegen Hegel, Croce und Burckhardt, gegen Schweitzer, Bultmann und Barth, und nicht zuletzt gegen die Antithese von Wissen und Glauben), als zu präzisieren, was er positiv zum Aufweis bringt. Seine herausfordernden Behauptungen bleiben ein anspruchsvolles Programm, das in keinem Verhältnis zur Durchführung steht.
Was Rosenstock-Huessy aufbauen will, ist eine philosophische Zeitwissenschaft, deren theologische Grundlage die Lehre vom Eintritt Gottes in die Geschichte des Menschen sein soll, und folglich die Auslegung der Weltgeschichte als eines Heilsgeschehens. Denn der Zeitpunkt der Wahrheit sei nun gekommen, an dem wir aus der Fülle der Zeiten geheilt werden müssen. Zur Begründung seines Anspruchs, die christliche Verkündigung in eine neue, zeitgemäße Form zu bringen, beruft sich die Schrift auf zwei Zeugen: auf das Versagen der Theologen und auf Gott selber, der sich in den Revolutionen der politischen Geschichte offenbare. Daß sich die Geschichte des Heils in dem Geschehen der Welt irdisch auswirkt, scheint ihm eine einfache Tatsache und die Voraussetzung eines wahrhaft christlichen Glaubens. Diese fortschreitende Auswirkung der Heilsgeschichte in der Weltgeschichte lasse sich auf die Formel des Fortschritts vom „Plural” der vielen Abgötter zum „Singular” des einen Gottes, sodann der vielen unverbundenen Erdteile zur vereinheitlichten Welt unserer Gegenwart, und schließlich der verschiedenen Rassen, Klassen und Lebensalter zu dem einen Menschengeschlecht bringen. Zugleich sei dieser weltliche Fortschritt jedoch dem Apostolikum unterstellt. Auf Grund dieser höchst fragwürdigen Synthese des modernen Fortschrittsglaubens mit dem christlichen Bekenntnis, oder von Comte mit Paulus, glaubt der Verfasser, „unbefangen” zur Kenntnis zu nehmen, was vom Jahre 0 bis jetzt „wirklich passiert” ist und sich heute vorbereitet.
Auch die moderne Naturwissenschaft ist für ihn ein evidenter heilsgeschichtlicher Vorgang. „Sie pflanzte Plato in die paulinische Universität und verlieh der antiken Wissenschaft die paulinischen Elemente, die Plato und Aristoteles abgingen: die Gewißheit des Fortschritts, die Öffentlichkeit des Geistes, die selbstlose Bruderschaft des Forschers. Diese drei Prinzipien hat Paulus aus der Liturgie der Kirche in die Lehre der Völker übertragen und damit deren Wissen dem Heil der Welt geöffnet”.
Die Naturwissenschaft der letzten vier Jahrhunderte sei eine legitime Frucht am Baum des Laienchristentums und letzten Endes auf der paulinischen Theologie beruhend. „Paulus ist in jeder Schule und Hochschule der letzten neunzehnhundert Jahre am Werke gewesen, um uns die Wunderbrille aufzusetzen, durch die hindurch wir gelesen und weggelassen haben. Dank des Paulus haben wir gewußt, was uns in Plato noch anging und was nicht. Dank des Paulus haben wir gewußt, was uns im Alten Testament noch band, und was vergangen war. Die heutigen Wissenschaften aber behandeln Paulus, statt auf ihm zu beruhen. Dabei verdanken wir ihm die Freiheit der Wissenschaft. Denn nur die Wissenschaft kann frei sein, die jene Wunderbrille trägt, welche Paulus geschaffen hat, und welche die Scheusale der Antike wegläßt. Hitler hat diese Scheusale gerade auch in die Universität zurückgescheucht. Sofort sind das Gorgonenhaupt des Krieges, das Medusenhaupt der Vernichtung, die Erinnyen der Rache, die Astrologie der Ägypter (die schon für 396 ,der Konstellation Christus’, ganz wie Hitler das Ende ansagten), die Orgien des Braunen Hauses und die Promiskuität des Geschlechtslebens, die Auslöschung der Namen, die Sklaverei und die Wüstung, das Martern und das Foltern - sie sind alle wiedergekommen. Die liberale Theologie ist die Grundlage Hitlers; denn sie hat Paulus als ihren Gegenstand behandelt statt als ihren Lehrer.”
Diese Zitate sind nur ein Beispiel unter vielen andern für Rosenstocks Denk- und Schreibweise. Sie ist über die Maßen „geistreich” - oft wirklich reich an Geist, z. B. in den Bemerkungen über Denken und Sprechen, aber ebenso oft auch bloß geistreichelnd und mehr durch paradoxe Behauptungen, die den Leser vor den Kopf stoßen sollen, anregend als wahrhaft belehrend und fördernd. Es ist bedauerlich, daß ein Schriftsteller von solchem Range auch seine echten Einsichten der eigenwilligen Sucht nach dem Unkonventionellen aufopfert.